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Eine Ikone aus der legendären Wirtschaftswunderzeit wird 70 alt

Erstellt von Dr. Hans-Josef Mayer | |   Radermacher TE

Der Mercedes-Benz 190 SL feierte vor 70 Jahren als erster Roadster aller SL-Baureihen auf dem Genfer Auto Salon 1955 seine Markteinführung.

Als Ikone der Wirtschaftswunderzeit basiert der 190 SL auf einem Prototyp, der ein Jahr zuvor in den USA auf der International Motor Sports Show in New York nach nur wenigen Monaten Entwicklungszeit vorgestellt wurde. Diese kurze Entwicklungszeit und auch der folgende knappe Zeitraum bis zur Serienreife war nur erfolgreich möglich, weil die Ingenieure auf der Ponton-Basis aufsetzten und ein konsequentes Gleichteilprinzip anwandten, pragmatisch und genial zugleich.

Mercedes-Benz präsentierte den W121 BII, besser bekannt als 190 SL, am 10. März 1955 und setzte damit während des deutschen Wirtschaftswunders ein Zeichen für aufkommenden Wohlstand, technische Innovation, hohe Qualität und anspruchsvolles Design.

Der erste SL-Roadster verkörperte die neue Lebensfreude und den Optimismus einer ganzen Generation. Als kleiner Bruder des legendären 300 SL (W198 I) war er darauf ausgelegt, die Faszination der gerade ins Leben gerufenen SL-Baureihe einer breiteren Kundschaft zu etwas erschwinglichen Preisen zugänglich zu machen. Der Mercedes-Benz 300 SL Roadster (W198 II) löste im Mai 1957 den Flügeltürer ab. Dem 190 SL als erster Roadster folgen bisher noch sieben Nachfolger bis zum heutigen R232, der sich am Markt offenbar schwerer durchsetzt als sein Urahne.

Mit seinem stilvollen Äußeren und der technischen Raffinesse bot der 190 SL eine perfekte Mischung aus Alltagstauglichkeit und Exklusivität. Sein Design ist zeitlos, und die fließenden Linien sowie die ausgewogenen Proportionen mit den seitlichen Lanzetten auf den Kotflügeln machen ihn zu einem der ästhetisch ansprechendsten Modelle der Nachkriegszeit.

Was diesen speziellen begutachteten dunkelblauen W121 BII aus dem Jahr 1961 hier auf den Fotos so bemerkenswert macht, ist sein makelloser Zustand als „Matching Numbers“-Fahrzeug. Alle wesentlichen Komponenten wie Fahrgestell, Motor, Getriebe, Lenkgetriebe, beide Vorderachsen und die Hinterachse weisen übereinstimmende Nummern auf, die mit der originalen Datenkarte des Fahrzeugs „matchen“. Dieser Grad der Authentizität ist in der Welt der klassischen Automobile sehr selten und macht das Fahrzeug zu einem wahren Sammlerstück mit FIVA Identity Card, die als internationales Identitätsdokument für historische Fahrzeuge dient und deren Authentizität, individuelle Geschichte sowie historischen Wert bestätigt, was besonders wichtig für Besitzer von Oldtimern ist, die an Veranstaltungen, Schönheitswettbewerben (Concours d'Élégance) und speziellen Rallyes teilnehmen möchten.

Für Liebhaber klassischer Autos geht es nicht nur um Freude am Fahren, sondern auch um die Bewahrung eines Stücks Automobilgeschichte, das die technologische Innovation und das Design einer vergangenen Ära repräsentiert und den nachfolgenden automobilbegeisterten Generationen noch erleben lässt. Der 190 SL ist nicht nur ein Auto, sondern ein lebendiges Zeugnis des deutschen Wirtschaftswunders und der Ingenieurkunst, das weiterhin Aufmerksamkeit und Anerkennung in der Automobilwelt findet.

Zur IAA 1955 in Frankfurt am Main im September des gleichen Jahres lag der Grundpreis der teuersten Variante mit Coupé-Dach und Stoffverdeck bei 17.650 DM, mit einigen Zusatzausstattungen konnte der Preis auf über 20.000 DM steigen. Für die Hälfte dessen war eine Mercedes-Benz 180-Ponton-Limousine erhältlich. Der Preis für den 190er blieb allerdings über die gesamte achtjährige Bauzeit von 1955 bis 1963 unverändert, heute unvorstellbar. Ein Porsche 356 kostete damals 13.000 DM. Der Verkaufspreis des SL in den USA war im Vergleich zu dem in Deutschland niedriger angesetzt, eine wenig nachvollziehbare Praxis, die deutsche Hersteller auch heute noch praktizieren.

Unter der Haube arbeitete ein 1,9-Liter-Vierzylindermotor mit 105 PS – was seinerzeit für eine nur 1.180 kg schweren Roadster eine durchaus respektable Leistung war. Die ursprünglich anvisierte Höchstgeschwindigkeit des Lastenheftes von 190 km/h ließ sich nicht ganz realisieren: In der Praxis lagen die Höchstwerte eher bei maximal 180 km/h, für die damalige Zeit immer noch eine bemerkenswerter Top-Speed.Solide Technik, hohe Verarbeitungsqualität und zeitloses Design sorgten dafür, dass einige dieser Fahrzeuge bis heute erhalten geblieben sind. In Deutschland wird der aktuelle Bestand an 190 SL auf rund 2.000 Fahrzeuge geschätzt.

Jedenfalls war der 190 SL ein großer Wurf von Mercedes-Benz, herzlichen Glückwunsch zum Jubiläum!